Freitag, 19 Juni 2015 03:23

18. Juni 2015 | Bochumer Wissensorte entdecken

Prof. Dr. Christian Melchers, der Experte für Nachbergbau an der Technischen Fachhochschule Georg Agricola zu Bochum, ist Wissenschaftler des Monats Juni.

Prof. Dr. Christian Melchers, Foto: Dietmar Klingenburg.
Prof. Dr. Christian Melchers, Foto: Dietmar Klingenburg.

Ewigkeit ist eine Menge Zukunft – und er erforscht, wie sie sich bewältigen lässt. Prof. Dr. Christian Melchers ist der führende Experte zum Thema Nachbergbau in Deutschland und damit genau richtig im Ruhrgebiet: An der Technischen Fachhochschule (TFH) Georg Agricola zu Bochum entwickelt der Geologe neue Ideen für die nachhaltige Nutzung ehemaliger Bergbauflächen und prüft, wie sich die so genannten „Ewigkeitsaufgaben“ managen lassen. Dazu gehören die langfristige Grubenwasserhaltung, die Polderbewirtschaftung und die Grundwassersanierung auf ehemaligen Bergbaustandorten. Aber auch die Sicherung alter Schächte sowie die kontrollierte Ableitung und Nutzung von Grubengas sind Bestandteil der Forschung. Seit 2012 ist Christian Melchers Inhaber der Stiftungsprofessur für „Geoingenieurwesen und Nachbergbau“, die die TFH und die RAG-Stiftung gemeinsam eingerichtet haben. Im gleichnamigen, deutschlandweit einzigartigen Masterstudiengang gibt er das Wissen aus dem Ruhrkohlenbergbau an seine Studierenden weiter – und hilft so aktiv das Know-how auch über das Jahr 2018 hinaus zu bewahren.

Professor Melchers, Ende 2018 ist Schicht im Schacht, der Steinkohlenabbau in Deutschland endet für immer. Wie wird es dann weitergehen und was sind die größten Herausforderungen?

Der Bergbau hat Spuren hinterlassen, mit denen wir verantwortungsvoll umgehen müssen. In den Bergwerken unter Tage haben wir das Grubenwasser, das wir kontrolliert ansteigen lassen wollen, und ab einem bestimmten Niveau dauerhaft abpumpen müssen, damit es nicht in Kontakt mit Trinkwasser führenden Schichten kommt. Über Tage haben wir Bergsenkungsgebiete, in denen das Oberflächenwasser nicht mehr auf natürlichen Wegen abfließt, und deshalb ebenfalls auf Dauer abgepumpt werden muss. Auf einer Reihe von ehemaligen Bergbaufläche, insbesondere ehemaligen Kokereien, machen die vorhandenen Altlasten es erforderlich, dass das Grundwasser gereinigt wird, bevor es in den normalen Wasserkreislauf gelangt. Diese Aufgaben – Grubenwasserhaltung, Poldermaßnahmen und Grundwasserreinigung – sind von ewiger Dauer, weil der Bergbau die Landschaft unter und über Tage irreversibel verändert hat. Deshalb sprechen wir von „Ewigkeitsaufgaben“, für die wir Lösungen entwickeln.

Warum brauchen wir überhaupt noch Studierende, die sich mit (Nach-)Bergbau auskennen? Wo liegen ihre beruflichen Perspektiven?

Der Bedarf an Fachleuten ist groß und wird weiter steigen. Vor allem bei der Überwachung und Nachsorge brauchen Behörden, Kreise, Städte und Kommunen gutes Personal. Deshalb bildet sich rund um das Forschungs- und Entwicklungszentrum Nachbergbau an der TFH ein Netzwerk aus Wissenschaft, Unternehmen und Behörden, das sich den Herausforderungen rund um Bergwerksschließungen und Folgenutzungen stellt. Die Studierenden kommen bereits berufsbegleitend zu uns und knüpfen im Studium weitere wichtige Kontakte – auch international. Schließlich gibt es die Herausforderungen des Nachbergbaus nicht nur in Deutschland, sondern überall, wo Bergbau betrieben wurde oder wird. Hier stehen deutsche Fachkräfte hoch im Kurs. Außerdem lernen unsere Studierenden auch, Staudämme, Wasserreservoirs oder Tunnel zu bauen und instand zu halten. Damit finden sie in der Rohstoffbranche weltweit einen Job.

Sie stehen im engen wissenschaftlichen Austausch mit internationalen Bergbau-Experten. Wie blicken andere Länder auf Deutschland und das Know-how aus dem Ruhrgebiet?

Das Wissen Made in Germany zum Thema Nachbergbau ist sehr gefragt. Die Schwellenländer und damit ihr Energiebedarf wachsen rasant. Das macht die nachhaltige Förderung von Rohstoffen besonders wichtig und es wächst das Bewusstsein dafür, dass man mit aufgegebenen Bergwerksstandorten verantwortungsvoll umgehen muss. Diesen Prozess können wir aktiv mitgestalten.

Sehen Sie auch Chancen und Potentiale in der Nachbergbau-Zukunft?

Das geballte Know-how, das wir im Ruhrgebiet angesammelt haben, schafft die guten Perspektiven: Wir gelten weltweit als Technologieführer in der Bergbautechnik und zugleich als Vorbild für einen gelungenen Strukturwandel. Frei gewordene Flächen können neu genutzt werden. Es entstehen Geothermie- und Pumpspeicherkraftwerke unter Tage und auch mit Grubenwasser lässt sich Energie gewinnen. Mit dem Forschungs- und Entwicklungszentrum Nachbergbau ermöglichen TFH und RAG-Stiftung Spitzenforschung auf diesem zukunftsträchtigen Gebiet.

An der Technischen Fachhochschule Georg Agricola bauen Sie zurzeit das Forschungs- und Entwicklungszentrum Nachbergbau auf – was sind die aktuellen Forschungsprojekte Ihres Teams?

Unser Fokus liegt zunächst auf den Ewigkeitsaufgaben und hier im besonderem im Bereich des Grubenwassers:  Derzeit wird daher an innovativen Monitoringverfahren des Grubenwasseranstieges geforscht. Ebenso laufen Untersuchungen zum Migrationsverhalten von Grubengas und Grubenwasser. Dazu führen wir unter anderem Studien im südlichen Ruhrgebiet durch und ermitteln die Qualität und Quantität wasserführender Stollen und Erbstollen. In unserem Labor für Geotechnik und Nachbergbau analysieren wir zudem Bohrkerne aus dem Emscher-Mergel, also der geologischen Schicht, die über den Kohlelagerstätten liegt. An den Bohrkernen lassen sich mittels Durchlässigkeitsuntersuchungen Gas- und Fluidströmungen ablesen und damit belastbare Aussagen hinsichtlich der hydraulischen Eigenschaften ermitteln. Das hilft uns, die Auswirkungen des Grubenwasseranstiegs prognostizieren zu können. Außerdem entwickeln wir an der TFH Monitoring-Konzepte und Technologien zur umwelttechnischen Überwachung und energetischen Optimierung der Wasserhaltung im Ruhrgebiet.

Zur Person:
Prof. Dr. Christian Melchers schloss 2003 sein Studium der Geologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster mit dem Diplom ab. Danach blieb er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Angewandte Geologie und fertigte seine Doktorarbeit an. Bereits hier beschäftigte sich der 38-Jährige mit einem spannenden Thema aus der Region: Er untersuchte die Methan-Austritte im südlichen Münsterland und bewertete das Gefahrenpotenzial. Danach zog es ihn in die Industrie: Als Geschäftsführer einer Ingenieurberatung für Angewandte Geologie und Geotechnik erstellte Christian Melchers Gutachten zur Erfassung, Bewertung und Sanierung von Altlasten und Altstandorten, konzipierte Bodenmanagementkonzepte und entwickelte baureife Projektstudien. Auch das Thema Grubenwasserhaltung begegnete ihm in dieser Zeit immer wieder.
2009 promovierte Christian Melchers im Fachbereich Geowissenschaften der Universität Münster mit der Note summa cum laude. Er ist Träger des Heitfeldpreises für herausragende Absolventen des Geologischen Institutes der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Anschließend war er als Lehrbeauftragter sowohl an der Universität Münster als auch an der TFH Georg Agricola tätig. 2012 wurde er zum Professor für Geoingenieurwesen und Nachbergbau an die TFH berufen. Er ist Mitglied der Deutschen Geologischen Gesellschaft (DGG), der Fachsektion Hydrogeologie (FH DGG), des BDG - Berufsverbands Deutscher Geowissenschaftler sowie Vorsitzender des AK Grubenwasser in der FH DGG.
Christian Melchers ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt mit seiner Familie in seinem Geburtsort Lünen. In seiner Freizeit ist er nicht nur sportlich aktiv (linker Rückraum beim Lüner SV Handball) sondern engagiert sich auch ehrenamtlich: Bei der Freiwilligen Feuerwehr kümmert er sich um den Brandschutz in seiner Stadt und ist Mitglied der German Fire Protection Association.

 

 

 

 

 

 

Letzte Änderung am Donnerstag, 18 Juni 2015 15:37
Social Media

UniverCity Bochum bei Instagram

Um Ihnen eine optimale Seite bereitzustellen und diese stetig zu optimieren setzen wir Analyse-Software samt Cookies ein. Alle Informationen zu Ihren Rechten und den Diensten finden Sie in der Datenschutzerklärung.
Datenschutzerklärung Okay